Linnaeus 1753: Wie der Fliegenpilz seinen wissenschaftlichen Namen bekam
Amanita muscaria (Fly Agaric) – der Fliegenpilz – trägt einen Namen, der älter ist als die moderne Biologie selbst. 1753 gab ihm ein schwedischer Botaniker seinen ersten wissenschaftlichen Namen – in einem Werk, das bis heute als Startpunkt der botanischen Nomenklatur gilt.
Linnés System und die Sammelgattung Agaricus
Carl von Linné veröffentlichte 1753 sein Werk Species Plantarum – bis heute der anerkannte Ausgangspunkt der botanischen Namensgebung. Pilze spielten darin nur eine Nebenrolle: Fast alle Lamellenpilze wurden in die eine Sammelgattung Agaricus gesteckt, ohne die feinere Unterteilung, die wir heute kennen. Agaricus muscarius war eine der wenigen Pilzarten, die Linné überhaupt einen eigenen Namen gab – ein Hinweis darauf, wie auffällig dieser Pilz schon damals war.
Zu Linnés Zeit steckte die Mykologie noch in den Kinderschuhen. Die feine Trennung zwischen Gattungen wie Amanita, Agaricus im heutigen, engeren Sinn oder Boletus kam erst später – mit Forschern, die sich, anders als Linné, auf Pilze spezialisierten.
Warum „muscarius“? Die Herkunft des Namens
Der Artname muscarius verweist auf „Fliege“ (lateinisch musca). Zwei Erklärungen halten sich hartnäckig: Zum einen die historische Praxis, Fliegen mit dem Pilz zu bekämpfen. Zum anderen ein mittelalterlicher Volksglaube, wonach Fliegen in den Kopf eindringen und Wahnsinn verursachen könnten – der rote, auffällige Pilz wurde mit diesem Aberglauben in Verbindung gebracht. Welche Erklärung näher an der Wahrheit liegt, ist bis heute nicht abschließend geklärt.
Der heute gültige Name Amanita muscaria ist nicht identisch mit Linnés ursprünglicher Bezeichnung. Zwischen 1753 und der modernen Systematik liegen Jahrzehnte, in denen Botaniker die grobe Sammelgattung Agaricus in zahlreiche eigenständige Gattungen aufspalteten – Amanita ist eine davon.
Von Linné zu Fries: Wie alte Namen bis heute gültig bleiben
Ein zentrales Konzept der Pilz-Nomenklatur heißt „sanktionierter Name“: Namen, die in bestimmten Werken von Christiaan Hendrik Persoon oder Elias Magnus Fries übernommen wurden, gelten als verbindliche Bezugspunkte für die gesamte Pilz-Taxonomie – auch wenn der Name selbst älter ist. Fries sichtete und ordnete in den 1820er-Jahren systematisch, welche älteren Namen – oft aus Linnés Zeit – Bestand haben sollten.
Wie konkret das in der Praxis aussieht, zeigt eine Fachpublikation im Journal IMA Fungus am Beispiel eines anderen, ebenfalls von Linné benannten Pilzes (Clavaria hypoxylon, heute Xylaria hypoxylon): Weil Linnés ursprüngliche Beschreibung von 1753 nie exakt typisiert wurde, griffen Forscher auf die Elemente zurück, die Fries 1823 bei der Sanktionierung des Namens heranzog – darunter ein Exemplar aus Fries‘ eigener Sammlung von 1821. Dieses Prinzip – Linnés Ursprungsnamen, stabilisiert durch Fries‘ spätere Sanktionierung – prägt bis heute, wie Pilznamen offiziell verankert sind.
Dass dieses über 200 Jahre alte System noch aktiv ist, zeigen internationale Mykologie-Kongresse: Sowohl 2011 in Melbourne als auch 2018 in San Juan wurden die Regeln zur Typisierung sanktionierter Namen ausdrücklich präzisiert – ein Beleg dafür, dass Linnés und Fries‘ Arbeit keine historische Fußnote ist, sondern ein lebendiger Teil des heutigen internationalen Nomenklatur-Codes.
| Jahr | Ereignis | Bedeutung |
|---|---|---|
| 1753 | Linné beschreibt Agaricus muscarius in Species Plantarum | Ausgangspunkt der botanischen Nomenklatur |
| 1820er | Fries sichtet und sanktioniert zahlreiche ältere Pilznamen | Namen erhalten einen stabilen taxonomischen Bezugspunkt |
| 2011 / 2018 | Melbourne- und San-Juan-Kongress präzisieren die Regeln zu sanktionierten Namen | Das System aus Linnés und Fries‘ Zeit gilt bis heute |
Häufige Fragen
Wer hat den Fliegenpilz zuerst wissenschaftlich benannt?
Carl von Linné beschrieb ihn 1753 in Species Plantarum als Agaricus muscarius – einer der wenigen Pilze, denen er überhaupt einen eigenen Namen gab.
Warum heißt der Fliegenpilz „muscarius“?
Der Name geht auf das lateinische Wort für Fliege zurück – entweder wegen der historischen Nutzung gegen Fliegen oder wegen eines mittelalterlichen Volksglaubens über Fliegen und Wahnsinn.
Ist der heutige Name identisch mit Linnés ursprünglicher Bezeichnung?
Nein. Linné ordnete den Pilz noch der Sammelgattung Agaricus zu. Die heutige Gattung Amanita entstand erst später, als Botaniker die grobe Klassifikation weiter auffächerten.
Quellen & Referenzen
- Pouliot, A., May, T. (2021): Wild Mushrooming: A Guide for Foragers. CSIRO Publishing. Google Books
- Turland, N.J. et al. (2019): Chapter F of the International Code of Nomenclature for algae, fungi, and plants. IMA Fungus. doi.org
- Redhead, S.A., Norvell, L.L. (2014): The application of the name Xylaria hypoxylon, based on Clavaria hypoxylon of Linnaeus. IMA Fungus. doi.org
- McNeill, J. (2014): A new dawn for the naming of fungi: impacts of decisions made in Melbourne in July 2011. MycoKeys. doi.org
- Wikipedia: Sanctioned name. Abgerufen Juli 2026. en.wikipedia.org
Von Linnés erster Beschreibung bis zu unserem sorgfältig getrockneten Fliegenpilz Pulver – dried fly agaric powder – aus dem Baltikum liegen fast 300 Jahre botanischer Geschichte. Mehr zur Herkunft und Trocknung.
