Haoma & Avesta: War Amanita muscaria das heilige Getränk des Zoroastrismus?
Die Debatte um Amanita muscaria als rituelle Pflanze der Antike beschränkt sich nicht auf den vedischen Soma. Im iranischen Zoroastrismus kennt die heilige Schrift Avesta ein ähnliches rituelles Getränk namens Haoma – und auch hier wird seit Jahrzehnten diskutiert, ob Amanita muscaria als Zutat eine Rolle gespielt haben könnte.
Was ist Haoma?
Haoma ist ein rituelles Getränk aus der zoroastrischen Religion, die im heutigen Iran und Afghanistan ihren Ursprung hat. Im heiligen Text Avesta – der ältesten zoroastrischen Schrift, deren Kernteile auf etwa 1000–600 v. Chr. datiert werden – wird Haoma als heilige Pflanze und als Göttergetränk beschrieben, das Stärke, Freude und Inspiration verleiht. Haoma-Zeremonien sind bis heute Bestandteil zoroastrischer Rituale in der Parsi-Gemeinschaft (Indien) und anderen diasporischen Gruppen.
Der linguistische Zusammenhang zwischen Haoma (Avestisch) und Soma (Sanskrit/Rigveda) ist von der Sprachwissenschaft seit dem 19. Jahrhundert anerkannt. Beide Wörter leiten sich von der proto-indoiranischen Wurzel *sauma- ab und bezeichnen dieselbe rituell-botanische Konzeption. Das bedeutet: Wer Soma als Amanita muscaria identifizieren will, muss dieselbe Frage auch für Haoma beantworten. Die Soma-Debatte in ihrem Gesamtkontext erklärt unser Artikel zu Soma und dem Rig-Veda.
Wassons Haoma-These und ihre Rezeption
Gordon Wasson, der 1968 in Soma: Divine Mushroom of Immortality die Amanita-Soma-Verbindung argumentierte, behandelte Haoma als logische Erweiterung derselben These. Wenn die arischen Völker in ihrer gemeinsamen proto-indoiranischen Phase Amanita muscaria als Kultgetränk nutzten, müsste diese Tradition sich sowohl in den vedischen (Soma) als auch in den iranischen (Haoma) Quellen niedergeschlagen haben. Wasson sah in geografischen und kulturellen Überschneidungen eine Bestätigung: Beide Traditionen entstammen Regionen, in denen Amanita muscaria verbreitet war oder ist.
Die akademische Rezeption war verhalten. Iranisten und Avesta-Spezialisten kritisierten, dass die Textbeschreibungen des Haoma – als gelbe, pressbare Pflanze mit Stängeln – botanisch schlecht zu Amanita muscaria passen. Kandidaten wie der Ephedra-Strauch oder verschiedene Rauten-Gewächse (Peganum harmala) wurden als Alternative diskutiert. Keine Hypothese ist bis heute mit archäologischen Funden eindeutig belegt. Über Wasson als Person und Forscher berichtet unser Artikel Gordon Wasson: Der Vater der Ethnomykologie.
Die These Amanita muscaria = Soma/Haoma wurde von Wasson 1968 populär gemacht, ist aber keine Mehrheitsmeinung in der Altertumswissenschaft. Neuere Forschungen diskutieren eine Vielzahl von Kandidaten – darunter Cannabis, Ephedra und Psilocybe-Pilze. Manche Forscher vermuten ein „botanical cocktail" aus mehreren Substanzen. Sicher ist: Sowohl Soma als auch Haoma waren echte rituelle Praktiken mit realen Pflanzenzutaten. Welche das waren, bleibt eine der großen offenen Fragen der Ethnobotanik.
Amanita muscaria in Afghanistan: Ein ethnografischer Befund
Abseits der theoretischen Debatte gibt es einen konkreten ethnografischen Befund, der Aufmerksamkeit verdient. Mochtar und Geerken dokumentierten 1979, dass eine kleine Sprachgruppe im Nordosten Afghanistans – die Parachi-sprachige Bevölkerung – Amanita muscaria bis in die jüngere Vergangenheit in medizinischen und rituellen Kontexten verwendete. Dieser Fund ist insofern bemerkenswert, als er eine lebendige Praxis in einer Region belegt, die geografisch und kulturell zwischen der vedischen und der iranischen Welt liegt.
Mochtar und Geerkens Bericht wurde von der Ethnobotanik als bedeutsam eingestuft – als seltenes Zeugnis dafür, dass Amanita muscaria in Zentralasien nicht nur Gegenstand mythologischer Spekulation war, sondern tatsächlicher Praxis. Ob diese Praxis direkt mit den alten Haoma-Ritualen zusammenhängt, lässt sich nicht beweisen – sie zeigt aber, dass der geographische und kulturelle Rahmen für solche Verbindungen vorhanden war. Den Gesamtüberblick über Amanita in verschiedenen Kulturen bietet unser Artikel zu Amanita muscaria weltweit.
Quellen & Referenzen
- Wasson, R.G. (1968): Soma: Divine Mushroom of Immortality. Harcourt Brace Jovanovich, New York. — Haoma-Soma-Parallele, Kapitel 4.
- Mochtar, O. & Geerken, H. (1979): The hallucinogens muscimol and ibotenic acid in the Parachi language area of northeast Afghanistan. Anthropos 74: 936–938. — Ethnografischer Feldbericht Afghanistan.
- Flattery, D.S. & Schwartz, M. (1989): Haoma and Harmaline. University of California Press. — Ephedra als Haoma-Kandidat.
- Rätsch, C. (1998): Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. AT Verlag, Aarau. — Haoma und Amanita im ethnobotanischen Kontext.
- Wikipedia (DE): Haoma. de.wikipedia.org/wiki/Haoma
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