Fliegenpilz Varietäten: alba, formosa, regalis im Vergleich
Nicht jeder Fliegenpilz ist rot. Amanita muscaria (Fly Agaric) kommt in mehreren botanisch anerkannten Varietäten vor, die sich in Hutfarbe und geografischer Verbreitung unterscheiden – von leuchtend scharlachrot über orangegelb bis hin zu weiß. Dieser Artikel erklärt die wissenschaftlich beschriebenen Varietäten und was sie unterscheidet.
Was ist eine Varietät? Botanische Grundlagen
In der Botanik und Mykologie bezeichnet eine Varietät (lateinisch: varietas) eine untergeordnete Kategorie innerhalb einer Art. Varietäten unterscheiden sich in morphologischen Merkmalen – etwa Farbe, Form oder Pigmentierung – sind aber reproduktiv nicht von der Hauptart getrennt und können sich mit ihr kreuzen. Im Fall von Amanita muscaria betreffen die Hauptunterschiede zwischen den Varietäten die Pigmentierung des Hutes, während alle anderen Merkmale (Lamellen, Ring, Knolle, Wirkstoffprofil) weitgehend identisch bleiben.
Die taxonomische Grundlage für die Varietäten von Amanita muscaria geht auf die Arbeiten von Rolf Singer (1986, The Agaricales in Modern Taxonomy) und spätere molekulargenetische Studien zurück. Geml et al. (2006) zeigten, dass Amanita muscaria global in mindestens drei genetisch distinkte Kladen zerfällt (eurasisch, subarktisch-alpin, nordamerikanisch), was die morphologische Variationsbreite der Art teilweise erklärt.
Varietät 1: var. muscaria — Die klassische Rotform
Die häufigste und bekannteste Varietät ist Amanita muscaria var. muscaria – der typische Fliegenpilz mit leuchtend scharlachrotem bis orangerotem Hut und weißen Velumresten. Dies ist die in Mitteleuropa dominante Form, die in Birken-Kiefern-Mischwäldern von Deutschland bis zu den baltischen Staaten vorkommt. Die rote Farbe stammt von Muscaflavin und anderen Betalain-Pigmenten in der Huthaut.
Diese Varietät ist die kulturell prägendste – sie erscheint auf Glückskarten, in Märchenbüchern und in der Werbung. Alle klassischen Erkennungsmerkmale beziehen sich auf var. muscaria. In der Wildsammlung ist sie die am häufigsten anzutreffende Form in gemäßigten Breiten.
Varietät 2: var. formosa — Die Gelbform
Amanita muscaria var. formosa (auch als var. aureola oder var. flavivolvata beschrieben, je nach Taxonomiesystem) hat einen orangegelben bis gelben Hut mit gelblichen oder weißlichen Velumresten. Diese Varietät kommt in Europa vor, ist aber deutlich seltener als var. muscaria und wird häufig übersehen oder fälschlich als eigene Art eingestuft.
Var. formosa ist in den Alpen, in Skandinavien und in Nordosteuropa regelmäßiger anzutreffen als in Mitteleuropa. In der Praxis bereitet die Bestimmung keine Probleme, wenn die restlichen Merkmale beachtet werden: Ring, weiße freistehende Lamellen und gerippte Knolle sind bei var. formosa identisch mit var. muscaria. Das Wirkstoffprofil (Muscimol, Ibotensäure) ist nach aktuellem Forschungsstand vergleichbar.
Varietät 3: var. alba — Die seltene Weißform
Amanita muscaria var. alba ist eine rein weiße Varietät ohne jede Rotpigmentierung – weder Hut noch Velumreste zeigen rote oder gelbe Töne. Diese Form ist selten und wird oft als Albino-Mutation der roten Hauptform betrachtet. Da sie visuell dem weißen Knollenblätterpilz (Amanita phalloides var. alba) ähneln kann, ist bei der Bestimmung besondere Sorgfalt geboten.
Unterscheidungsmerkmal zum weißen Knollenblätterpilz: A. muscaria var. alba hat eine gerippte oder wulstige Knolle, einen Ring mit gezahntem Rand und wächst typischerweise unter Birken und Kiefern. A. phalloides var. alba hat eine sackartige Volva, einen glatten Ring und bevorzugt Eichen und Buchen. Im Zweifel: Stehen lassen.
var. muscaria: Scharlachrot, weiße Warzen — häufig in ganz Europa und Nordasien. | var. formosa/aureola: Orangegelb bis gelb, gelbliche Warzen — seltener, Alpen und Nordeuropa. | var. alba: Reinweiß, weiße Warzen — sehr selten, Sonderfund. | Alle Varietäten: weiße freistehende Lamellen, Ring, gerippte Knolle — Wirkstoffprofil vergleichbar.
Amanita regalis: Verwandt, aber keine Varietät
Häufig in Zusammenhang mit Amanita-muscaria-Varietäten erwähnt wird Amanita regalis (Königs-Fliegenpilz oder Brauner Fliegenpilz). Er hat einen dunkelbraunen bis ockerbraunen Hut mit gelblichen Warzen und ist in Skandinavien und den Alpen heimisch. Trotz der visuellen Ähnlichkeit mit var. formosa gilt A. regalis heute als eigenständige Art, nicht als Varietät von A. muscaria.
Das Wirkstoffprofil von A. regalis ist mit dem des Fliegenpilzes vergleichbar – Ibotensäure und Muscimol sind auch hier die dominanten Verbindungen. Die vollständige Artabgrenzung gegenüber Amanita muscaria ist durch molekulargenetische Studien (Geml 2006) bestätigt. In der Wildsammlung ist die Unterscheidung relevant: A. regalis wächst in anderen Habitaten und ist deutlich seltener als die Hauptart.
Praktische Bedeutung der Varietäten
Für die Wildsammlung ist das Wissen über Varietäten vor allem deshalb wichtig, weil ein orangegelber oder weißer Pilz im Wald nicht automatisch als Fliegenpilz erkannt wird – und damit Verwechslungen mit gefährlicheren Arten möglich werden. Die sichere Bestimmung aller Varietäten erfordert immer die Prüfung aller Merkmale gemeinsam: Lamellen, Ring, Knolle, Standort. Nur die Hutfarbe reicht nicht aus. Die vollständige Bestimmungsanleitung finden Sie in unserem Artikel Fliegenpilz erkennen & bestimmen.
Für kommerzielle Wildsammlung und Produkte gilt: Professionelle Sammler in den baltischen Wäldern arbeiten überwiegend mit var. muscaria – der häufigsten und am leichtesten erkennbaren Form. Die Wirkstoffzusammensetzung der Varietäten ist nach aktuellem Kenntnisstand vergleichbar, mit möglichen regionalen und jahreszeitlichen Schwankungen. Mehr zur Chemie bietet unser Artikel über Muscimol und Ibotensäure.
Quellen & Referenzen
- Singer, R. (1986): The Agaricales in Modern Taxonomy. 4. Aufl. Koeltz Scientific Books, Königstein. — Taxonomische Grundlage der Varietäten.
- Geml, J. et al. (2006): Beringian origins and cryptic speciation events in the fly agaric (Amanita muscaria). Molecular Ecology, 15(1): 225–239. DOI: 10.1111/j.1365-294X.2005.02799.x
- Michelot, D. & Melendez-Howell, L.M. (2003): Amanita muscaria: chemistry, biology, toxicology, and ethnomycology. Mycological Research, 107(2): 131–146. DOI: 10.1017/S0953756203007305
- GBIF (Global Biodiversity Information Facility): Amanita muscaria — Occurrence records by variety. gbif.org
- Wikipedia (DE): Fliegenpilz — Abschnitt Varietäten. de.wikipedia.org/wiki/Fliegenpilz
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